Urban life paintings

 

Luc Imsand ist ein Maler der Stadt, er malt sie als Bühne des Lebens, er malt die Menschen, die sie bewohnen. Die Stadt erscheint als Kosmos von Orten, Räumen und Beziehungen, die ihre Energien an die Menschen abgeben, aber auch von den Menschen, ihren Träumen, Handlungen, Begierden aufgeladen werden. Imsand stellt dar, was er um sich herum sieht, er ist Chronist und Teilnehmer des urbanen Lebens. Häufig geht er auf Reisen, nach Asien, Südamerika, er begegnet der Natur, doch er malt sie nicht. Mit neuem Blick kehrt er in die Stadt zurück, nach Glasgow, Lausanne, oder wo immer er gerade wohnt. Die Stadt ist sein Thema, hier verwandelt sich ständig das Leben, hier wird es auch bedroht und vernichtet, hier werden wie in einem Brennspiegel die Kräfte freigelegt, die die westliche Gesellschaft bestimmen.

Für ein modernes Paradies hält Imsand die Stadt jedenfalls nicht, seine Bilder zeigen die zahlreichen Formen der Sucht, denen man begegnet: Alkohol, Drogen, Reichtum, TV, Computer, Sex. Dabei ist die Sucht nur Ausdruck der Sehnsucht nach dem Leben. Allein betrinkt man sich in einer Bar (Alone and drinking), allein setzt man sich auf der Toilette einen Schuss (Toxicomanie), man schaut Fernsehen (TV Foot) oder sitzt am Computer (Computer all night). Vor dem Fenster gibt es das nächtliche Leben, das aber ohnehin nicht interessiert angesichts der virtuellen Welt, die der Computer liefert. Andere suchen ihre Befriedigung im Reichtum und dessen Symbolen. Die junge schwarz gekleidete Frau steht fordernd neben einer Luxus-Limousine (She wanted everything).

Imsand zeigt die Stadt, weil er die Menschen zeigen will. Häufig treffen wir sie in Hotelzimmern, Bars, in wechselnden Interieurs und in Straßenfluchten, Bahnhöfen, auf Plätzen, einsam oder gemeinsam. Doch zusammen an einem Ort zu sein, bedeutet noch keine Begegnung, keine Berührung, auch gemeinsam ist man in der Stadt oft allein. In dem Gemälde Night Away sitzt jemand am Klavier, ein anderer an einem Tisch, ein dritter steht hinter der Bar, eine Frau, nur mit einem Dessous bekleidet, mitten im Raum. Eine erotische Spannung kommt dennoch nicht auf, nicht einmal irgendeine Art von Kommunikation, man bleibt mit sich allein. Die Figuren erscheinen klein angesichts des Raumes, der sie trennt. Selbst da, wo eine Beziehung angedeutet wird (Business or affair) bleibt offen, worum es geht, ein Geschäft, eine Affäre? Auch der Kontakt der Körper (Difference) spricht eher von der Suche nach Nähe, von einem sexuellen Spiel der Geschlechter, von Käuflichkeit, es bleibt der Unterschied.

Gelangweilt beobachtet man, wie die Zeit vergeht (Watching the times goes by) oder man versucht, der Stadt zu entkommen, nimmt am Bahnhof irgendeinen Zug (Leaving) - um vielleicht wieder nur in einer anderen Stadt anzukommen? Was könnte das Ziel sein? Muss man etwas ändern, für das Leben marschieren, lohnt es sich zu kämpfen (Marcha por la vida)? Welche Ziele und Ideale, welche Rechte fordert oder verteidigt der kleine Demonstrationszug, verloren in der Weite der Stadt?

Luc Imsand liefert keine Antworten auf diese Fragen, er wertet nicht moralisch, er beobachtet. Seine Erfahrungen verwandelt er in eine leichte, flüssige Malerei, die sich kräftiger Farbkontraste bedient und für ihre Wirkung keine großen Formate benötigt. Die klar begrenzten Farbflächen trennen die Menschen und Dinge mehr, als dass sie sie verbinden. Auch wenn das Thema der Stadt eine kunstgeschichtliche Tradition hat, zu der auch Imsand gehört, führen Vergleiche doch auf falsche Wege. Nichts hat Imsand zum Beispiel zu tun mit der Dynamisierung und Dämonisierung der Stadt bei den Expressionisten, den klaustrophobischen Interieurs Munchs, der formalen Härte der Neuen Sachlichkeit, der Weltbühnen-Symbolik Beckmanns oder der Melancholie Hoppers. Dennoch ist Imsand diesen Künstlern verbunden durch die Faszination, die die Stadt auf ihn ausübt. Vielleicht können wir uns unser heutiges Leben nur noch als ein urbanes Leben vorstellen, das geprägt ist vom Rhythmus und der Energie der Stadt, von ihren Orten und Räumen, die uns zu ständiger Mobilität zwingen. Nicht das Land ist mehr unser Terrain, als moderne Nomaden bewohnen wir die Stadt und ihre Nächte.

Volker Adolphs

Ausstellungsleiter und

Sammlung  Rheinische Expressionisten

Kunst Museum Bonn

 
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